Eröffnungsreden für Vernissagen

Einführende Worte sind unerlässlich für die Eröffnung Ihrer Kunstausstellung. Sabina von Kameke entwirft, formuliert und hält für Sie die passende Eingangsrede zu Ihrer Vernissage.

 

16 Januar 2005 -
„Larimar – Grenzenlosigkeit“ - Vernissage von Carmen Repinski im Kunstraum Benther Berg


Liebe Kunstfreunde, verehrte Ausstellungsgäste. Ich begrüße Sie herzlich zur Eröffnung dieser Ausstellung „LARIMAR – GRENZENLOSIGKEIT“

Bei meiner Recherche für den Text zur Ausstellungseröffnung wurde ich von wundersamen Parallelitäten zwischen Carmen Repinskis Kunst und dem Titel der Ausstellung überrascht. So werde ich auch den Text gliedern: ich beschreibe die äußeren Gegebenheiten und die Stofflichkeit des Larimar und werde Sie zum einen mit konkreten Beispielen auf die Werke hinweisen, aber lasse auch einiges offen, damit Sie sich selbst auf Entdeckungsreise in die Bilder begeben können. Ein Hinweis sei gegeben: zuerst waren die Steine, Stelen und Bilder da, der Titel zur Ausstellung wurde danach gefunden.

Ich beginne mit „ Grenzenlosigkeit“ :

Wir stehen hier in einem Raum voller Fenster – die Bilder sind Fenster nach draußen, in die Landschaft, in die Natur, in die Weite – eben in die Grenzenlosigkeit. In die Grenzenlosigkeit des Natürlichen, in die Grenzenlosigkeit des Globus, in die Grenzenlosigkeit der Gefühle und des Geistes. Schauen Sie hinaus in diese Bilder. Lassen Sie sich drauf ein – spüren Sie, dass Sie jetzt leichter atmen als in einem fensterlosen Raum?

Beim Blick auf die Bilder entsteht ein Gefühl der Freiheit, eine Wanderung durch die Welten. „Larimar“

Dieses wohlklingende Wort ist der Name eines besonderen Steines. Der Name ist die Schöpfung eines dominikanischen Kunstsachverständigen und Minenbesitzers, der den Stein aufgrund seiner Meeresfarbe (mar) und der Erinnerung an seine Tochter Larissa (Lari) so taufte. Man hat ihm wegen seiner meerblauen Farbe auch den mythischen Namen „Atlantisstein“ gegeben Der Larimar wird ausschließlich im Südwesten der Dominikanischen Republik in einem einzigen Steinbruch gefunden, sonst nirgends auf der Welt. Um die Kunst, die hier zu sehen ist, näher zu bringen, ist an dieser Stelle ein wenig Geologie von nöten: Der Larimar ist ein Halbedelstein vulkanischen Ursprungs. Beim Abkühlen der Lava entstanden durch Verpuffung von Gasen Röhrengänge in den Gesteinsmassen. Eine besondere Kombination chemischer Bestandteile sammelte sich während des Abkühlungsprozesses – immer noch ein äußerst heißer Vorgang – in diesem Röhrensystem und erhärtete dort in der Lava zu einem blauen Gestein, dem Larimar. Er schiebt sich ursprünglich als Röhren/ Bänder durch das graue vulkanische Gestein. Wir haben es hier mit blauen Stelen im Felsen zu tun!!! Carmen Repinski baute die Stelen gleichzeitig mit dem Entstehen der Bilder ohne vorher von den Zusammenhängen der Steinentstehung zu wissen und auch noch nicht im Bewusstsein des Ausstellungstitels. Hier laufen ganz archaische Muster emotionaler Ausdrucksfähigkeit zusammen; es überkommt ein Gefühl der Freiheit, der Grenzenlosigkeit, der Ganzheitlichkeit von Gefühl Vergangenheit Zukunft und Augenblick!

Gesteinsverschiebungen brechen diese Röhren und Bruchstücke des Larimar werden durch den Fluß Nizaito in das Meer geschwemmt. Ehemals wurde der Larimar an den weißen Stränden gefunden – so, als ob er heraus aus dem Meer entwachsen an Land gespült wird.

Im geschliffenen Larimar in seiner veredelten Form entdeckt man leuchtend blaue Landschaften in denen sich das Meer mit dem Himmel verbindet. Es zeigen sichwunderschöne hellblaue Landschaften, in denen sich die Bewegungen des Atlantiks, des karibischen Meeres mit sanften fedrigen weißen Wölkchen vermengt. Sowohl das Meer als auch die Wolken befinden sich in einem Zustand fortwährender Bewegung und Veränderung, sodaß nie ein Gefühl des Stillstandes aufkommt.

Stillstand kennen die Landschaften von CR nicht. Obwohl man stehen bleibt, laufen die Panoramen weiter, die Himmel bewegen sich, die Wolken sind in Aufruhr. Die Landschaften sind frisch, selbst die Wüstenlandschaft wirkt lebendig – es sind Landschaften voller Hoffnung auf Weiterleben und Wachsen, voller Lebendigkeit und Frische. Voller Duft. Himmel und Wasser dominieren, das Land liegt häufig zwischen beiden.

Die Himmel spiegeln das Land wieder, sind voller Farben, dramatisch bewegt wie in den Wolken von W. Turner oder zart romantisch rosa angehaucht. Die Stimmungen sind eindeutig – oder doch nicht? Abenddämmerung oder kurz vor Sonnenaufgang?. Verschmilzt der Abend mit dem Morgen?. Sturm oder schon Ruhe? Herbst und Frühling gleichzeitig?

Blau sind die gemalten Wasser: sie haben die Farben unendlicher Meerestiefen, Stimmungen des Atlantik, der Karibik. Wir finden die Ufer der Adria, die Farben Kroatiens wieder. Blau ist die Farbe für das Unbewusste, für die Tiefe der eigenen Seele. Sehnsucht und Seesucht der Künstlerin. Das Wasser hat wie in der Natur so auch in den Werken Carmen Repinskis eine besondere Bedeutung: es stellt die Verbindung zwischen Himmel und Land her – die archaische Verbindung zwischen den Welten.

Alles kommuniziert miteinander, alles läuft zusammen, alles ist durch einen Rhythmus verbunden. Die Landschaften haben einen Klang, einen „Groove“ den die Farben zwischen staccato und moderato spielen. Die Farben werden virtuos gesetzt – die Wasser können spiegeln, glitzern, blenden, rollen, fliegen, fallen, glänzen. Selbst im Ausschnitt eines Werkes – im Mikrokosmos, entdecken wir durchstrukturierte Welten – so wie eine einzelne Zelle eines ganzen Körpers die kleinste Einheit des Lebens repräsentiert.

Auf der Einladung ist der Ausschnitt eines Werkes abgebildet, welches am besten die Symbiose aller Welten ausdrückt: Wir entdecken eine Sumpflandschaft mit Moor und Seen und Meer und Himmel, alles ist im Umbruch: der Sumpf ist nicht mehr Wasser und noch nicht Land, 1000 kleine Landschaften verdichten sich zu einer großen. Dieses Bild verbindet alle Bilder aus der Ausstellung: die Bilder, die nur vom Land erzählen oder nur vom Himmel oder nur vom Wasser. Oder von allen zusammen.

Dem Stein Larimar werden Heilkräfte nachgesagt. Er hilft Ängste, Leiden, Traumata zu beseitigen und den eigenen persönlichen Weg leichter zu finden – wieder in Verbindung zu den Bildern: ein Spaziergang durch die Landschaft des Lebens... Der Stein birgt eine Tiefe Ruhe in sich, die er in seine Umgebung abstrahlt.

Insbesondere die Wasser und Luftelemente, die sich im Larimar vereinen, zeigen große Heilkräfte im Zusammenhang mit Emotionen und Gedanken auf. Er schafft eine sanfte und friedvolle Verbindung zwischen dem Herzen und dem Verstand, bewirkt Heilung im Brustbereich, Solarplexuns, Hals und Stirn (Wolkentorso im großen Bild).

Darüber hinaus hilft er uns, Ereignisse aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wir finden hier Landschaften als eine Kategorie der Seele geträumt und gleichzeitig gefürchtet.

Der Horizont nie klar definiert, um Gefühl und Geist schweifen zu lassen und zu wecken aus ihrer abstrakten Stille – die Welt und das Leben aus einer anderen Perspektive zu entdecken. Abschließend möchte ich Ihnen noch eine poetische Betrachtung zur Entstehung und zur Gestalt des Larimar mitgeben: „ vom Feuer beseelt aus der Erde geboren vom Wasser benetzt und von der Luft geküsst“ er verbindet in der Tat die 4 Elemente Erde Wasser Luft und Feuer wie wir es in den Bildern von Carmen Repinski erleben!!!!!

Sabina von Kameke, 16. Januar 2005

 

14 Januar 2007 -
„offene Räume weites Land“ - Vernissage von Carmen Repinski im Kunstraum Benther Berg


Liebe Kunstfreunde, verehrte Ausstellungsgäste. Ich begrüße Sie herzlich zur Eröffnung dieser Ausstellung „OFFENE RÄUME – WEITES LAND“

... das klingt ganz nach Urlaub, raus in die Natur, sich losgelöst bewegen können, endlich frei atmen, die Welt entdecken. Das erleben wir hier auch – aber ganz anders: wir sehen erst einmal statische rechteckige mit Leinwand bezogene Holzrahmen vor uns. Darauf sind Farben aufgebracht. Die pastos flüssigen Farben werden mit dem Spachtel verschoben und dadurch ineinander gemischt bis neue Farben entstehen. Mit dem Pinsel wird getupft, gemalt, gestrichen. Die Farben, die Carmen Repinski benutzt, entstammen dem gesamten Farbkreis mit allen Zwischentönen. Mit dem Einsatz von Neonfarben geht sie sogar in den Grenzbereich des wahrnehmbaren Farbspektrums. Trotz dieser für eine Landschaftsmalerei uneindeutigen Mittel sehen wir ganz eindeutig Landschaften:

Die Weite des Horizontes, die Farben des Himmels in der Ferne begrenzt von den vagen Erhebungen einer Bergkette. Wir sehen dramatische Wolkenballungen über steppengleichen Landschaftsräumen, wir sehen das helle Licht der Morgensonne über bewegtem Wasser des Meeres. Oder Stille und Ruhe eines anbrechenden Abends. In vielen Aspekten durch William Turner inspiriert, entsteht eine alles übergreifende Stimmigkeit nur durch Farbgebung. Rot setzt sie oft ein – die Farbe des Feuers und farbliches Sinnbild allen Lebens - Wärme und Verbundenheit, die von der Landschaft ausgeht wird für uns spürbar. Gelb, Farbe des Lichtes, dem Gold der Sonne nahe stehend. Blau als Farbe der Ferne, des Himmels und des Wassers, symbolisiert eine geheimnisvolle Verbundenheit von der Erde zu den himmlischen Sphären. Für dieses Erleben müssen wir nicht hinaus gehen, stattdessen gehen wir hinein um Landschaften zu sehen. An dieser Stelle verschwimmt der Begriff des Hineingehens – entweder in den physischen Raum oder in den psychischen Raum können wir uns begeben. Hier begegnet uns zuerst das Thema des „offenen Raumes“ und des „weiten Landes“. Denn wenn wir die Landschaftsbilder von Carmen Repinski betrachten, sehen wir die Landschaften eher in uns als auf der Leinwand. Betrachten hier viele Menschen ein Bild, wird jeder seine eigene Landschaft entdecken. Selten stellt Carmen Repinski eine einzige Stimmung dar, vielmehr besteht ein Bild aus der Summe vieler Zustände. Tendenziell sehen wir einen Sonnenaufgang – die Farben, die sie benutzt sind erst einmal klassisch: rosa, hellblau, hellgrün, zart grau. Jetzt rastern wir das Bild optisch ab und stellen fest, die vorerst pastelligen Farben gehen in ein leuchtendes Neon über, in ein dunkles Blau, in ein tiefes Grün. Der Sonnenaufgang mutiert unausweichlich in eine Abendstimmung. Es entsteht ein steiler Farbübergangsgradient, der bei Betrachtung emotionale Energie freisetzt. Die Linien geraten in Bewegung, verschwimmen, tauchen wieder auf, bringen neue Farben mit (obwohl sie auf dem Bild fest gemalt sind). Carmen Repinskis Bilder vollziehen sich in einem Vorgang zwischen Spontanität und reflektierter Entscheidung. So erwachsen höchst lebendige Gebilde, die sich bei jeder Begegnung neu und anders erschließen. Die Keilrahmen bilden keine Grenzen mehr für die Linien und Farben – alles gemalte kommt aus einem offenen Raum und fließt in einen offenen Raum weit hinein.

Carmen Repinskis Bilder entstehen und leben zwischen offenen Räumen.Und weil die Phantasie des Betrachters auch ein offener Raum ist, haben die Bilder im Kopf eines jeden Betrachters ihre 2. Chance: hier entsteht das Bild, das Sie als Wahrnehmender auf der Basis Ihres momentanen Gefühlszustandes sehen.

Machen Sie den Versuch, kommunizieren Sie miteinander: trauen Sie sich, eine Ihnen fremde Person zu nehmen, stellen Sie sich gemeinsam vor ein Bild und erzählen Sie sich, was jeder von Ihnen darauf sieht. Sie werden schnell entdecken, dass zwei Menschen von einem Bild zwei unterschiedliche Wahrnehmungen entwickeln. Das kann man auch für sich allein üben: fühlt sich der Betrachter morgen anders (fröhlicher, trauriger, ruhiger, aufgeregter), sieht er im selben Abbild ein anderes Bild. Carmen Repinski malt ihre Landschaften in Form und Farbgebung gerade so wie ihre jeweilige Stimmung dies auslöst. Durch bewußten Verzicht auf Betitelung vieler Werke erlangt der Betrachter dieselbe Freiheit, sich Stimmungen aufzubauen.

Und genau darin liegen die unendlichen und so lebendigen Möglichkeiten von Carmen Repinskis Bildern. Die Bilder leben nicht nur in ihren Rahmen, sondern formieren sich neu in offenen Räumen – sie suchen nichtstoffliche Dimensionen: im Kopf des Betrachters, im Gespräch miteinander, in der Erinnerung, im spontanen Einfall.

Sie können den Exponaten Carmen Repinskis unvoreingenommen und ohne Hinführung auf eine bestimmte Betrachtungsweise begegnen. So bieten ihre Werke eine wunderbare Grundlage, den Menschen einen leichten Einstieg in den Dschungel der modernen / expressiven / informellen / gegenstandslosen Malerei zu verschaffen. Hier lernt der Betrachter, dass er ungeschoren davonkommt, wenn er sich wirklich auf das Bild einlässt. Er darf hier an den Grund seiner eigenen Emotionalität gelangen und wird erkennen, dass er angstfrei hervorgeht, weil er für sich ganz eigene, individuelle Bilder entdeckt. Es kostet Kraft, sich auf unbekannte Welten einzulassen; aber „der Lohn der Angst“ sind neue eigene Betrachtungen der Welt – des weiten Landes.

In jedem Quadranten eines Bildes sind neue Landschaften verborgen. Mikrolandschaften, die wieder aus ineinander verwobenen Linien bestehen. Auch hier auf kleinster Fläche verwandeln sich noch die Farben. Und werden diese Mikrolandschaften abgescannt, machen wir Entdeckungen, die uns wieder in die 1. Chance des Bildinhaltes zurückholen: winzig kleine Inselchen mit Palmen, Bergen und Seen – diesmal ganz realistisch, eigentlich schon naiv gemalt – tauchen zwischen den versinkenden und entstehenden Farblinien auf. Dieser kleine „Echtheitsfaktor“ ist gut für diejenigen, die vorerst ängstlich sind, sich einem informellen Bild zu nähern oder sich ihm gar hinzugeben. Damit schlägt Carmen Repinski in ihren Bildern eine Brücke zurück auf die 1. Stufe der Wahrnehmungschance ihrer Bilder: Die „offenen Räume“ schließen sich, das „weite Land“ fügt sich wieder in Grenzen.

Carmen Repinskis Werke erleichtern uns den Zugang zur informellen Malerei. Sie mag sich auf systematische Raumvorstellungen wie Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund gar nicht festlegen. Sie mag sich auch nicht festlegen auf durchschaubare klassische Farbverteilungen und auch nicht auf herkömmliche Maltechniken. Und dennoch entstehen in jedem Fall eindeutige Motive. Der Betrachter hat die Chance, unmittelbar in das Geschehen der „offenen Räume“ einzutauchen und durch das „weite Land“ zu streifen. Oder aber der Betrachter nutzt die 2. Chance die Carmen Repinskis Bilder bieten: sich einfach nur der poetischen und freudigen Farbemotionalität hinzugeben und Eigenes entstehen zu lassen!

Sabina von Kameke, 14.1.2007